Jugendliche und Arbeitsmarkt
Wir haben in der Tat ein europäisches Problem hinsichtlich der Jugend am Arbeitsmarkt. Die Wirtschaftskrise hatte eine massive Erhöhung der Arbeitslosenquoten in den EU-Mitgliedstaaten verursacht – in Österreich haben die rechtzeitig ergriffenen Maßnahmen zum Glück eine ausufernde Arbeitslosigkeit verhindern können.
Im Dezember 2009 waren in der EU 5,5 Millionen junge Menschen im Alter von unter 25 Jahren arbeitslos. Bei einer halber Milliarde EuropäerInnen scheint dies gering, doch sind dies immerhin 21,4 % aller jungen Menschen. Es entsteht nun die paradoxe Situation, dass eine immer älter werdende Gesellschaft durch Leistungen der Jungen finanziert werden soll, die keinerlei Möglichkeit hat das System mit ihren Leistungen zu finanzieren.
Dabei ist das Problem jedoch ein Vielschichtiges: Es gibt nämlich immer weniger Möglichkeiten ein unbefristete reguläre Beschäftigung zu finden, wodurch die Jugendlichen in atypische, hochflexible, unsichere und prekäre Beschäftigungsformen gedrängt werden. Es ist ja nicht so, dass es nicht rationell ist, dass sich Arbeitgeber jene Beschäftigungsverhältnisse suchen, welche die Personalkosten geringstmöglich halten, bei denen die unternehmerische Verantwortung für einen Beschäftigten gegen null strebt. Störend ist jedoch für mich, dass es als erstrebenswertes Ziel definiert wird und der Profit einziges Unternehmensziel ist – ein weiterer Beweis, dass corporate social responsibility oft das Schicksal einer Worthülse teilt. Schwerer wiegt, dass die Politik mit Steuergeldern die Wirtschaft und Industrie unterstützt und dadurch die Staatsverschuldung explodiert, diese Staatsverschuldung jedoch von jenen Personen reduziert werden muss, welche in prekären Verhältnissen stecken und die Existenzängste erfahren, wenn sie sich überlegen wie sich ihre Zukunft/Pension darstellt.
Was meines Erachtens bei Jugendlichen fehl laufen würde, sind die in anderen Mitgliedsstaaten rigoros angewendeten Maßnahmen der kontinuierlichen Reduktion von sozialer Unterstützung, um diese schneller in den Arbeitsprozess zu integrieren. Dies macht nur Sinn, wenn trotz Verfügbarkeit von Beschäftigungsstellen Arbeit abgelehnt würde. Das praktische Problem liegt vielmehr darin, dass es zu wenige adäquate Jobs gibt und wenn es adäquate Jobs gibt der Arbeitnehmer aufgrund des Nachfrageüberhangs prekäre Beschäftigungsverhältnisse durchsetzen kann. Genau da ist jedoch anzusetzen: D.h. es muss gegen derartige prekäre Arbeitsverhältnisse vorgegangen werden. Es ist ein Inventivsystem zu errichten, das die unternehmensspezifischen Vorteile aus der Flexibilität reduziert. Es müssen die Mitgliedsstaaten wirksame Anreize wie Beschäftigungsbeihilfen oder -zuschüsse zu den Sozialabgaben schaffen, um wirksame und menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen garantieren können.
Die Arbeitgeber müssen ermutigt werden junge Menschen einzustellen, in die Schaffung neuer Arbeitsplätze für junge Menschen und in ihre ständige Weiterbildung und Steigerung ihrer Qualifikationen während ihrer Arbeitszeit zu investieren und den unternehmerischen Gedanken unter Jugendlichen zu fördern.
Ich bin mir durchaus bewusst, dass das gesamte Wirtschaftmodell im Umbruch ist. Die Musterkarriere nach der Schule, Lehre, Studium einen 8to5 Job anzunehmen und die Karriereleiter sukzessive aufzusteigen gibt es kaum mehr. Es müssen auch Arbeitnehmer kreativer und unternehmerischer werden, wenn ein Ziel erreicht werden soll. Doch müssen wir, die Politik, dafür sorgen, dass zumindest genügende Möglichkeiten für die Entwicklung bestehen. Möglichkeiten zur Mobilität, Möglichkeiten für internationale Beschäftigungen, Möglichkeiten eigene Unternehmen unbürokratisch zu gründen, Möglichkeiten über Netzwerke/Praktika/Austauschprogramme. Von den Unternehmen erwarte ich mehr soziale Verantwortung. Nicht die höchste Flexibilität und die geringsten Kosten dürfen oberstes Zielsystem, sondern eine nachhaltige, profitable, wertschaffende Organisation mit glücklichen Mitarbeitern. Unbezahlte Praktika, auch im Europäischen Parlament, darf es nicht geben. Es ist auch hier daher der Anspruch an die Mitgliedsstaaten zu richten, Strategien zur Erhöhung der Jugendbeschäftigung im Sinne der Flexicurity-Komponenten zu entwickeln: nämlich flexible und verlässliche vertragliche Regelungen, umfassende Programme für lebensbegleitende Bildung, Praktika und lebenslanges Lernen, die die kontinuierliche Entwicklung von Fähigkeiten sichern, wirksame aktive Arbeitsmarktpolitik und Workfare-Maßnahmen (erzwungene Rückkehr auf den Arbeitsmarkt) mit Schwerpunkt auf Kompetenzen, hochwertiger Beschäftigung und Integration, effektive Mechanismen für berufliche Mobilität, soziale Sicherungssysteme, die jungen Menschen Sicherheit beim Übergang zwischen unterschiedlichen Beschäftigungssituationen, zwischen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung sowie auch zwischen Schule und Beruf geben.